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Einer meiner größten Feinde ist mein Anspruch an mich selbst. Ich weiß nicht wirklich, wann sich diese Art "Anforderungen an mich selbst zu stellen" in meine DNA geschlichen hat. Ich weiß nur, dass Sie mich viel zu oft paralysiert. Denn immer wieder ertappe ich mich bei einem ungesunden (und unmenschlichen) Perfektionswahn.

Nur wirklich "perfekte" Meinungsäußerungen oder Beiträge dürfen das Licht der Welt erblicken. Shit!

Dabei war doch klar formuliert das Tauschmagazin Blog als ständig unperfekte Baustelle zu verstehen. Oder? Eingentlich schon. Und uneigentlich ...? Dieses Wort gibt es zum Bleistift überhaupt nicht.

Ich will da jetzt gar nicht so lange drauf rumreiten. Dafür sorgt mein Denkaparrat schon von alleine. Ich will hier einfach dokumentieren das ich ja selbst mehr Fragen als Antworten habe. Auch wenn ich in den letzten Jahren immer wieder das Gefühl hatte von einem kleinen Erkenntnisblitz getroffen worden zu sein. Andere Menschen verstehen meinen Sprachsalat dann doch wieder überhaupt nicht.

Daher eröffne ich hiermit das Deutsche Tauschring Fragen Archiv.

Puh. Das entspannt mich ungemein. Auch wenn meine Beiträge manchmal sehr selbstbewusst tun als wüsste ich etwas, so sind es am Ende des Tages nur Fragen.

Und davon habe ich viele:

  • Ist es überhaupt noch sinnvoll von den Tauschringen zu sprechen?
  • Braucht es nicht doch verschiedene spezifische Begriffe für die Vielfalt der Ansätze in deutschen Tauschringen?
  • Worin steckt die eigentliche Faszination dieses Themas? Für mich, für Dich, für viele Andere?
  • Warum gibt es ein so unscharfes Begriffsverständnis in Deutschland? Liegt es zum Beispiel an unserer Sprache oder an unserem Denken? Oder gar an unserer Geschichte?
  • Warum streben immer wieder neue Menschen in Tauschringe?
  • Warum gibt es scheinbar keine langfristige Entwicklung in der Tauschringlandschaft?
  • Warum hat sich nie eine Bewegung gebildet?
  • Warum gibt es in Deutschland so gut wie keine Forschung zum Thema?
  • Warum gelang es nie - und gelingt es bis heute nicht - die erfolgreichen Ansätze in der europäischen Nachbarschaft in Deutschland zu adaptieren?
  • Wird in deutschen Tauschringen wirklich getauscht?
  • Wird in deutschen Tauschringen verrechnet?
  • Wird in deutschen Tauschringen vielleicht nur dokumentiert?
  • Wird in deutschen Tauschringen geschenkt?
  • Wird in deutschen Tauschringen bezahlt? Wenn ja, mit was? Wenn nein, was geschieht dann in den Tauschringen?
  • Sind die Verrechnungseinheiten/ Stunden in deutschen Tauschringe Geld oder doch eher nicht?
  • Können Tauschringe wirklich über Aussenkonten mit anderen Tauschringen tauschen? Was geschieht da eigentlich?
  • Können Tauschringe eigentlich überhaupt überregional tauschen? Wenn ja, was wird da getauscht? Wenn nein, warum tun Sie es dann so begeistert?
  • Können Tauschringe mit völlig unterschiedlichen Konstruktionsmerkmalen über den Ressourcen Tauschring miteinander tauschen?
  • Was unterscheidet Tauschringe von anderen Initiativen wie Kleingärten,- Sport,- Ehrenamtsvereine?
  • Gibt es Unterschiede in der Wirkung, wenn Tauschringe Ihre Einheiten als Geld verstehen?
  • Wieviele Mitglieder haben Tauschringe in der Regel?
  • Macht es einen Unterschied wieviele Mitglieder ein Tauschring hat?
  • Sind Tauschringe nur lokal möglich/sinnvoll?
  • Machen überregionale Tauschringe Sinn?
  • Gibt es Zusammenhänge zwischen der Organisationsform, der Größe und dem Erfolg von Tauschringen?
  • Ist es irgendwo gelungen Unternehmen langfristig in einen Tauschring einzubinden?
  • Wie gehen Tauschringe mit Macht um?
  • Wie reagieren Tauschringe auf Autokraten?
  • Begünstigen Tauschringe die "Übernahme" durch Autokraten?
  • Wie demokratisch sind Tauschringe?
  • Sind Tauschringe noch basisdemokratisch?
  • Sind Tauschringe soziale Organisationen oder Wirtschaftliche?
  • Könten Tauschringe ein ideales Forschungsgebiet für Gemeinschafstforschung sein?
  • Könnten Tauschringe ein ideales Forschungsgebiet für Wirtschaftsforschung sein?
  • Was kann die Gesellschaft von Tauschringen lernen?

Ich muss schon sagen. Das erleichtert mich ungemein. Nun gut. Vielleicht ermutigt das ja jemand anderes ebenfalls seine Fragen auf den Tisch - oder besser - ins neue Tauschring Fragen Archiv zu legen.

Vielleicht werden diese Fragen langsam mit dem Staub der Geschichte bedeckt und unsichtbar? Vielleicht werden Sie aber auch irgendwann in fernen Jahrzehnten von jemand entdeckt?

Ich für meinem Teil werde hier bestimmt immer wieder mal stöbern und die eine oder andere Frage aufgreifen!

Auf jeden Fall freue ich mich über alle Fragen, die in diesem Archiv abgelegt werden? Bin gespannt.

Eigentlich schien mir die Arbeit nach den ersten beiden Beiträgen jetzt schon getan. Denn wenn es ja offensichtlich - zumindest aus meiner Sicht - gar keine Tauschringe gibt und zusätzlich die Intentionen völlig unklar sind, was bleibt dann noch zu sagen? Das Gefühl bei dieser Frage kommt mir doch sehr bekannt vor. Denn wie schrieb ich schon im März 2016 in der letzten Ausgabe des Tauschmagazins:

"Die Vorstellung, mein gesammeltes Wissen und meine Erfahrungen könnten auf einmal wertlos sein, hat mich in meinen Grundfesten erschüttert."

Dieses Gefühl beschleicht mich gerade wieder. Gestern habe ich ohne Ende Skizzen für Beiträge vernichtet. Alle diese Skizzen haben Ihren Sinn verloren. Denn Sie bezogen sich auf etwas, das schon vergangen ist oder sich gerade in der Auflösung befindet.

Doch wenn ich mich dieser Leere hingebe und erinnere, das zum Beispiel in der Natur nichts wirklich verschwindet sondern nur zu Kompost transformiert wird, schöpfe ich neue Schaffenskraft. Wenn ich nun das Vergangene wirklich loslasse und mich zuerst einmal freudig auf das Finden meiner Intentionen und meiner Begriffe einlasse, kann vielleicht etwas Neues aus dem Alten entstehen.

Ich muss zugeben dass auch ich am Anfang meiner "Tausch-Geschichte" meine Intentionen nicht klar hatte. Ich bin erst im Laufe der Jahre durch fortwährendes Scheitern darauf gestossen worden immer wieder meine eigene Motivation zu hinterfragen. Mittlerweile würde ich meine Hauptintention als die Suche nach einer nachhaltigen, menschlichen Gemeinschaft beschreiben. Schon früh bin ich auf das Buch "Individuelle Solidar-Kreise. Entwurf einer alternativen Gesellschaftsordnung" von Beate Stricker aufmerksam geworden. Hier findet Ihr eine Inhaltsangabe. Leider ist dieses Buch nicht mehr erhältlich.

Mir gefällt, dass Sie von Kreisen spricht und nicht von Ringen. Denn ein Kreis umschließt alles was in ihm enthalten ist. Bei einem Ring besteht jedoch nur kurzzeitiger Kontakt zwischen einzelnen Individuen. Noch besser gefällt mir der Begriff Gemeinschaft, da ich mich in einem Kreis auch zufällig befinden kann.

Zum Eintritt in eine Gemeinschaft bedarf es - nach meinem Empfinden - einer bewussten Entscheidung.

Und bevor man dieser Gemeinschaft beitritt, bedarf es einer möglichst klaren Beschreibung der "Gemeinschaftsintention". Denn erst wenn sich diese Gemeinschaft mit Ihren Normen und Regeln klar positioniert, kann ich überhaupt entscheiden, ob diese Gemeinschaft für mich die Richtige ist. Vor diesem Hintergrund erklärt sich auf einmal auch meine wechselvolle Lebensgeschichte. Denn in meinen jungen Jahren - bis ich mit 30 Jahren seßhaft wurde - bewegte ich mich intuitiv sehr oft ausserhalb jedweder Gemeinschaft.

Als weichlicher Junge - hieß früher wohl Heulsuse - hielt ich mich schon alleine aus Selbstschutz immer ausserhalb der Jungens-Gemeinschaft auf. Nur so konnte ich meine sensitive Persönlichkeit schützen. Als weichlicher Erwachsener floh ich so oft ich nur konnte die "Männergemeinschaft", die mir ob Ihrer vordergründigen Rabiatheit und Schein-Männlichkeit auch heute noch unbegreiflich erscheint.

Nach kurzen Phasen des Geldverdienens auf Maschinebaumontage reiste ich ruhelos an die unmöglichsten Plätze dieser Welt ohne genau zu wissen nach was ich suchte. Ich wollte nur weg aus Deutschland, raus aus der kleinbürgerlichen Enge und hoffte irgendwo einen Ort zu finden zu dem ich gehöre. Ich habe unglaublich schöne Plätze und Naturschauspiele gesehen, ich habe mich an den schillernsden Farben berauscht und die wundersamsten Tiere gesehen und dennoch war ich immer ein Fremder, reiste oft wochenlang ohne ein Wort in meiner Muttersprache zu hören, ja sogar manchmal Tagelang ohne überhaupt ein einziges Wort zu sprechen. Es war ein Leben fern jeglicher Gemeinschaft, am Anfang aufregend und voller Abenteuer, doch wohin ich auch reiste ich konnte nirgends ankommen. Immer fehlte etwas.

Und dann eines Tages - ich war mit einem Motorrad auf der Trauminsel Bali unterwegs - passierte etwas mit dem ich niemals gerechnet hätte. Ich hatte urplötzlich eine unbändige Sehnsucht. Mitten im schönsten Paradies hatte ich plötzlich keinen größeren Wunsch als einen Tannenwald im Morgentau zu riechen. Dieser unverwechselbare Geruch den ich in meiner Jugend im Münsterland so oft gerochen hatte.

Ich weiß nicht mehr wieviele Jahre ich da schon auf der Suche gewesen war, niemals hatte ich solch ein starkes Gefühl von Zugehörigkeit, ja von Heimat empfunden.

So kam ich also mit dreißig Jahren nach Münster in Westfalen und wurde seßhaft. Ich stieg in eine Unternehmergemeinschaft ein und glaubte nun den richtigen Weg gefunden zu haben. Doch leider hatte ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Meine Unternehmergemeinschaft, in die ich so gutgläubig eingestiegen war, entpuppte sich nach einigen Jahren als richtiggehende Katastrophe. Ich hätte auf die Warnung meines Vaters hören sollen. "Bei Geld hört die Freundschaft auf!" hatte er mich beschworen und mich dennoch finanziell unterstützt. Am Ende hat mich diese Gemeinschaftserfahrung gute 100.000 DM gekostet an denen ich die nächsten 15 Jahre zu knabbern hatte. Aber ich will mich nicht beklagen.

Eine kleinere Katastrophe hätte mich womöglich viel länger leiden lassen. Bei diesem Ausmaß jedoch war die Lehre daraus sehr tiefgreifend. "Schau Dir genau an mit wem Du Dich einläßt, mit wem Du eine Gemeinschaft eingehst".

Meine nächste Gemeinschaftserfahrung war die Übernahme eines Konkursunternehmens. Als alleiniger Geschäftsführer und Mehrheitsgesellschafter, so dachte ich, werde ich die Sache mit meinem kaufmännischen Geschick und meinem Organisationstalent schon ins Rollen bringen. Meinem Sinn für Gemeinschaft folgend, beteiligte ich die Belegschaft zu einem Teil am Unternehmen. Ich glaubte damals noch, dass alle ein Menschen ein natürliches Bedürfnis nach gemeinschaftlichem Handeln haben. Doch nach kurzer Zeit - als meinen Mitarbeitern die Verantwortung dahinter bewusst wurde - gaben Sie Ihre Geschäftsanteile an mich zurück.

Ein Leben als einfacher Mitarbeiter war Ihnen dann doch lieber.

Nun gut dachte ich, dann eben nicht und gab Gas ohne Ende. Im Grunde war ich sehr erfolgreich, denn aus einem schrottfreifen LKW und vier Mitarbeitern entwickelte ich innerhalb von drei Jahren eine kleine Flotte von drei LKW´s und einen Belegschaftsstamm von fünfzehn Menschen.

Doch auch jetzt hatte ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Allerdings war der Wirt nun kein Mensch, sondern das Geld an und für sich. Da ich zu 100 % fremdfinanziert war, konnte ich das aufgenommene Kapital trotz des augenscheinlich sehr positiven Wachstums nicht bedienen.

Meine Antwort war die Selbstausbeutung. Ich arbeitete am Ende ca. 320 Stunden im Monat und könnte das Geldproblem trotzdem nicht lösen. So kam es wie es kommen musste. Ich brach eines Tages unter der stetig steigenden Arbeitsbelastung einfach zusammen. Zu meinem großen Glück spielte mir das Schicksal in die Hände und durch äussere Umstände war ich plötzlich mein ganzes Unternehmen innerhalb von wenigen Tagen los.

Im ersten Moment - so dachte es in meinem Kopf - wieder eine Katastrophe. Heute sehe ich es als Rettung in letzter Sekunde an. Denn im Grunde rettete ich dadurch meine Gesundheit und irgendwann erkannte ich die ungeheure Freiheit, die mir mein Leben plötzlich bot.

Nach meinen negativen Gemeinschaftserfahrungen aus meiner Vergangenheit musste ich leider einsehen, dass es alleine auch nicht zu schaffen ist. Nun im Laufe dieser Zeit habe ich ja dann auch angefangen mich für das Thema "Tauschring" zu interessieren. Mich fasziniert eigentlich bis heute das befreiende Moment hinter der Idee. Auch nach allem was ich bisher gelernt und zum Beispiel in diesem Blog geschrieben habe, glaube ich immer noch, dass die eigentliche Kraft der ursprünglichen "Tausch-Idee" noch nicht freigelegt ist.

Das nehme ich jetzt mal als Arbeitsauftrag für mich selbst.

  • Wie genau muss eine menschliche Gemeinschaft beschaffen sein, dass Sie unseren ursprünglichen Wunsch nach kooperativem Zusammenleben befördert?
  • Welche Regeln und Absprachen braucht es um einen solidarischen Gemeinsinn nicht nur zu entwickeln, sondern auch nachhaltig zu sichern?
  • Welchen Namen könnte man Ihr geben, um möglichst von vornherein die richtigen Menschen anzuziehen?

Eigentlich hatte ich gehofft am Ende dieses Beitrages einen schönen Begriff gefunden zu haben. Oder vielleicht sogar eine alte Begriffsidee von mir hervorzukramen und "endlich" als richtig und treffend zu empfinden. Doch heute kann ich mit diesen offenen Fragen sehr gut Leben. Könnte diese Offenheit doch andere Menschen anregen sich ebenfalls Gedanken zu diesem Thema zu machen. Ich glaube das würde mich am meisten freuen.

Also her mit euren Gedanken und Worten. Es kann doch nicht sein, dass ich der Einzige bin, der an die latente Existenz einer solidarischen Gemeinschaft in Deutschland glaubt, oder? Sie existiert da bin ich völlig sicher. Wir leben Sie gerade nur nicht.

Nun da ich diese Frage "Gibt es überhaupt Tauschringe in Deutschland?" endlich mal ausgesprochen habe, tun sich ganz neue Möglichkeiten auf. Was sind das denn dann für Initiativen in denen sich Menschen unter einem bestimmten Begriff zusammenfinden. Vielleicht bedarf es vorerst keiner Differenzierung innerhalb der Tauschringe bzw. weiter gefasst der Tauschsysteme. Vielleicht ist der wichtigere Schritt ja das Gemeinsame herauszuarbeiten.

Ich erinnere mich noch sehr genau an unseren Ansatz für das Bundesarbeitstreffen der Tauschringe (BATT) 2008 in Nordwalde: Wir wollten gemeinsam untersuchen inwieweit sich unter dem Begriff Tauschring vielleicht so unterschiedliche Ideen sammeln, dass es sinnvoll ist diese Ideen begrifflich zu differenzieren. Wir hatten gehofft, dass sich dann aus dem relativ undifferenzierten Tauschringbrei verschiedene Arten herauskristallisieren und diese verschiedenen Arten sich dann viel kräftiger Entwickeln. Doch dies wurde von den Menschen als Separatismus wahrgenommen und Sie wehrten sich mit Händen und Füßen.

Vielleicht wird ja umgekehrt ein Schuh draus. Damals war es unglaublich wichtig sich "gemeinsam" zu fühlen. Vielleicht ist ja das Gemeinsame in ersten Schritt tatsächlich viel wichtiger und das Spezielle zuerst zu vernachlässigen.

Gerade erinnere ich mich an mein Erleben des Tauschforums 2016 in Luzern (Schweiz). Geladen als Speaker zum Thema "Die Zukunft des Tauschens" war ich schon morgens anwesend und hörte der Versammlung zu, um ein Gefühl für die Wünsche der anwesenden Menschen zu bekommen. Und tatsächlich habe ich dann meinen geplanten Vortrag gecancelt um ein offenes Gespräch mit den Teilnehmern zu führen. Mir schienen die Intentionen der Aktiven dieses Treffens doch sehr unterschiedlich. Obwohl Sie die gleichen Begriffe verwendeten, schienen Sie doch Unterschiedliches ausdrücken zu wollen. So stellte ich vor der Mittagspause die Frage: Mit welcher grundsätzlichen Intention seid Ihr in euren Tauschring eingetreten? Mit einer Sozialen, Solidarischen oder mit einer Wirtschaftlichen?

Nach der Pause war ich nicht sonderlich überrascht, das 95 % eindeutig aus sozialen Gründen in Ihren Tauschring eingetreten sind. Nur ein einziger Vertreter eines wirklich professionell organisierten Tauschsystems nannte wirtschaftliche Intentionen als Beweggrund.

Spannend dabei war, dass alle mit Begriffen wie Guthaben, Schulden und Buchhaltung hantierten. Doch das Verständnis hinter diesen Begriffen war fundamental Anders.

Für mich deckt sich diese Wahrnehmung mit vielen Erlebnissen in meiner aktiven Tauschingzeit. Ich dachte als Unternehmer ich wäre in eine Lokale Wirtschaftsinitiative (Tauschring LOWI Münster) eingetreten und musste mühselig lernen, dass die wirtschaftliche Ausrichtung - die in der Gründungsphase sicherlich vordergründig war - sich nach und nach im Tauschalltag verwandelt haben musste.

Denn auch der LOWI hatte ein horrende überzogenes Verwaltungskonto das mit ca. 1.650 Stunden (33.000 Talente) im Minus stand. Aber niemand störte sich daran. Es wurden Talente für Vereinsarbeit ausgegeben als wenn es kein Morgen gäbe. Später lernte ich dann auch andere Tauschringe kennen, die ein noch viel höher überzogenes Verwaltungskonto hatten. Und das Faszinierende: Fast alle diese Tauschgemeinschaften schienen trotzdem lebendig zu sein. Ich habe lange nicht verstehen können, wie das möglich sein kann.

Doch unter dem neuen Focus "Intention" kann ich langsam erahnen, dass es vielen Menschen nie um wirklichen Tausch gegangen ist. Und da scheinbar die Intentionen nie tiefgehend angeschaut wurden, konnte jeder seine persönlichen Wünsche auf und in den Tauschring projezieren. Jetzt erklärt sich für mich auf eine ganz neue Art, warum sich viele Menschen trotz des ungeklärten Intentionsbreis in Tauschringen wohl fühlen.

Jetzt wird mir auch klar, dass die begriffliche Ungenauigkeit die in dem Wort Tauschring steckt, für viele anscheinend gar kein Hinterungsgrund ist, sondern eher das Gegenteil. Da die Intentionen ungeklärt sind, kann ich fast problemlos meine eigenen Intentionen ausleben ohne je wirklich an Grenzen zu stossen.

Wenn ich jemand bin, der seine durchaus vorhandenen Talente und Fähigkeiten in der normalen € Welt nicht mehr honoriert bekommt, dann fühlt es sich natürlich super an ein dickes Stunden,- oder Talentguthaben sein Eigen zu nennen und damit ein über ein Art Sicherheitspolster zu verfügen. Nun verstehe ich auch die Bestrebungen die Begrenzung der Limits in den Plusbereich aufzuheben noch einmal ganz neu.

Wenn ich jemand bin, der sich vom Leben abgehängt fühlt, dann kann ich konsumieren ohne an eine direkte Gegenleistung gebunden zu sein. Wenn dann durch die Orgagruppe oder den Vorstand eine fast grenzenlose Schöpfung von Minusstunden zugelassen wird, bin ich genauso wie der Guthabenbesitzer nicht genötigt mich mit einem wirklichem nachhaltigem Tauschkreislauf zu beschäftigen.

Eine weitere, zweigeteilte, Intention zeigt sich darin, dass in Tauschringen immer wieder Autokraten - manche sagen auch Kümmerer dazu - das Heft des Handelns in die Hand bekommen bzw. nehmen. Dies bedeutet für die Einen ein relativ unkontrolliertes Machterlebnis und für die Anderen ein bequemes versorgt sein.

Neben diesen drei Hauptintentionen gibt es sicher noch viele Andere die sich bei näherer Betrachtung herausarbeiten ließen. Doch im Moment ist es mir wichtiger von oben auf diese Erkenntnis zu schauen. Ich sehe mittlerweile in der Hauptsache ein Bedürfnis nach Gemeinschaft, nach Kontakt, nach Austausch über den persönlichen Lebenszusammenhang hinaus. In unserer individualisierten Gesellschaft fehlt anscheinend vielen ein gemeinsames Moment, ein verbindendes Element, ein sozialer Ort dem ich angehöre und in dem ich trotzdem relativ frei handeln kann.

Wenn ich jetzt noch einmal auf den Titel dieses Beitrages zurückkomme, so scheint es sich bei den Tauschringen zwar um intentionale Gemeinschaften zu handeln, aber leider um welche, die Ihre gemeinsame Intention nicht genauer ausdifferenzieren wollen.

Hier finden sich Menschen zusammen die eine große Spielwiese für Ihre eigene Interpretation von Gemeinschaft suchen und auch wohl finden. Denn sonst gäbe es nicht so viele Tauschringe in Deutschland. Da sich Intentionen immer wieder verändern und eine nachhaltige Strategie gar nicht erwünscht ist, ziehen die Einen irgendwann weiter und die Anderen kommen neu dazu. Ein stetiger Wechsel der bis zum heutigen Tage zu keiner nennenswerten, nachhaltigen Entwicklung geführt hat.

Ich persönlich finde diese Erkenntnis gerade sehr erfrischend. Denn nun kann ich mich endgültig vom dem Begriff Tauschring verabschieden.

Wohlgemerkt, von dem Begriff, nicht von der - jedenfalls für mich - dahinterstehenden Idee der Befreiung vom Diktat des heutigen Gelddenkens.